Dienstag, 7. Juni 2011

Challenge Kraichgau - der bisher längste halbe Tag meines Lebens


Freitag 03.06.: Unsere Räder sind verladen.
Lange habe ich hin und her überlegt, Zeitfahrrad oder Rennrad? Sind die 1100 Höhenmeter auf 90 km, die uns erwarten, vielleicht doch einfach wegzudrücken, weil die Steigung kurz, aber giftig ist, oder zieht sich die Steigung?
Gibt mir das Rennrad in der Abfahrt die Sicherheit bei schneller Fahrt, oder ist Aerodynamik wichtiger?
Aerodynamik versus sehr geringes Gewicht und hohe Fahrtstabilität.
Ich habe mich entschieden, mich nicht zu entscheiden und wähle das leichte Rennrad kombiniert mit Auflagen für eine Aeroposition, ob ich damit richtig liege, werde ich erst auf der Radstrecke selbst feststellen.
Unsere Tasche ist gepackt und wir sind mit ihr und zwei Rucksäcken auf dem Weg zum Hamburger ZOB.
Hier treffen wir auf unsere Mitreisenden, alles Triabolos, alle Triathleten, alle ein wenig verrückt. Einige Gesichter sind bekannt, andere kenne ich kurz vom Sehen oder auch über Facebook und andere werde ich noch kennenlernen :)
Unser Bus wartet und die „Triabolos-Klassenfahrt“ kann beginnen.
Eine achtstündige Busfahrt steht uns bevor, ins beschauliche Kraichgau, dem Land der tausend Hügel.
Hier werde ich, wenn alles gut geht, meine erste Mitteldistanz starten. Sicher, die Vorbereitung war sehr weit weg von optimal, aber nun ist es zu spät, sich darüber noch Gedanken zu machen. Ankommen ist das Ziel und unter 6 Stunden ist der Plan.
Die Radstrecke hat sich gewaschen mit eigentlich 1100 Hm auf 70 km, da die ersten, wie auch die letzten 10 km, Flachetappen sind.
Aber noch sind wir ca. 600 km und knapp zwei Tage vom Start entfernt.
Die Busfahrt ist entspannt und lustig, zumindest nachdem der Busfahrer endlich verstanden hat, dass KEINE Klimaanlage, eben auch dieses bedeutet.
Die regelmäßigen Pausen tun gut.
Wir rollen gemütlich auf Bad Schönborn zu, wo sich unser Hotel und auch der Zielbereich, die Startunterlagenausgabe und die Triathlon-Expo der Challenge befinden.
Hügel? Bis jetzt Fehlanzeige.
Wir kullern aus dem Bus und strecken unsere gestauchten Glieder. Ingo ist mit dem LKW und den Rädern schon da und wir laden auch schnell unsere Carbon- und Aluboliden aus.
Der Hunger treibt uns aus den frisch bezogenen Hotelzimmern. Die erste Wahl am Platz, das Glashaus, müssen wir wegen Überfüllung und zu großem Hunger links liegen lassen und so machen wir uns zu fünft auf den Weg zum Italiener. Nudeln und Pizza sind schließlich Sportlernahrung Nummer 1, sind schnell fertig und viel falsch machen kann man da auch nicht.
Einzig die drei Kettenraucher am Nachbartisch sind etwas penetrant.
Sehr zur Belustigung trägt die Mousse au chocolait, oder so, bei, die Ulli und Sören bestellt haben. Sie ist jenseits von fest oder halbfester Konsistenz und liegt geschmacklich nahe am Aldi-Schokopudding und dass zum Schnapper-Preis von 4,50 €.
Nichts desto trotz ist es ein sehr lustiger Abend.
Wir fallen ins Bett und damit auch in Tiefschlaf.

Samstag 04.06.:
Wir schlendern entspannt zum Frühstück. Hier geben sich die Stars der Triathlon-Szene die Klinke in die Hand. Es ist spannend mal zu sehen, was die Profis so frühstücken.
Von Ingo, unserem Vereinspräsi, erfahren wir dann auch, wie die Tagesplanung ist. Wir werden am Nachmittag gemeinsam zum Rad-Check-In fahren und dann mit dem Bus wieder zurück.
Vorher heißt es Startunterlagen abholen und auf der Expo Geld ausgeben, ansonsten Race-Bags packen, relaxen und Pasta genießen.
Noch hält sich die Nervosität in Grenzen.
Nach dem Frühstück geht es zum Abholen der Startunterlagen, der Racebags, der Give-aways und der Transponder.
Danach gehen wir auf die Expo. Ich gönne mir eine kurze Hose, da die Temperaturen inzwischen nahe 30 Grad betragen.
Wir bringen unsere Unterlagen und Beutel weg und suchen ein Eiscafé. Schlußendlich landen wir wieder auf der Expo, dem einzigen Ort in der Nähe, an dem es tatsächlich Eis gibt.
Eis essend im Zielbereich unter einem schattigen Baum sitzen und das Treiben rundherum zu beobachten, wirkt irgendwie entspannend und dass, obwohl die Luft schon ein wenig zu knistern scheint.
Langsam machen wir uns auf den Weg zurück zum Hotel, Wettkampfsachen packen, auspacken, kontrollieren, einpacken, Cross-Check und langsam auf die Tour zum Rad-Check-In vorbereiten.

15.30 Uhr: wir machen uns auf dem Weg zum Hardtsee, wo das Schwimmen stattfindet und damit auch der Wechsel auf das Rad sein wird. 

16.00 Uhr: Unsere Helme werden auf das Genaueste kontrolliert, ob irgendwelche Beschädigungen erkennbar sind. Alles okay und wir können in die Wechselzone.
Da Regen über Nacht zu befürchten ist, nehme ich Schuhe und Helm wieder mit und lasse nur mein Rad da und lege meinen Laufwechselbeutel an die Stelle, an der ich morgen meinen Radbeutel finden werde. Alles ist perfekt gekennzeichnet und ich mach mir keine Sorgen, dass ich lange suchen muss. Schnell nochmal zum See runter, Schwimmstrecke angucken. Die erste Boje ist sch*** weit weg. PUUUUUH. 1.9 km!

16.45 Uhr: wir fahren mit dem Bus zurück nach Bad Schönborn und lassen uns bei der Wettkampfbesprechung raussetzen. Allerdings wundere ich mich, dass nur so wenige den Bus verlassen und der Rest weiter zum Hotel fährt. Nachher weiß ich warum: Die Pasta-Party kostet extra, die Wettkampfbesprechung ist eben eine Wettkampfbesprechung, so wie jedes Mal und die Luft in der Halle ist gänzlich verbraucht. Nach wenigen Minuten flüchten wir wieder zurück ins Hotel, schnell duschen, ein wenig Tiefenentspannung und dann zum hoteleigenen Pasta- Büffet.

Nachdem wir unsere Kohlenhyratspeicher vollständig gefüllt haben, treffen wir noch andere Triabolos auf der Hotelwiese und albern rum. Ein wenig Anspannung ist schon da, aber in der Gruppe läßt sich das aushalten. Einige wollen sich heute Abend noch „tätowieren“, das heißt unsere Triabolos-Abwaschtattoos aufbringen. Andere beschäftigen sich mit anderen Vorbereitungen für den morgigen Wettkampftag.
Ich entscheide mich für die mentale Fokussierung auf vollständige Entspannung per REM-Phase in der Horizontalen mit Zielpunkt 5 Uhr.

Sonntag, 05.06.
5.30 Uhr Frühstück, viel essen geht um diese Uhrzeit noch nicht, aber ich weiß auch, dass ich während des Wettkampfes nichts Festes runterbekomme, daher Augen zu und durch

7.00 Uhr: Der Bus soll uns zum Hardtsee bringen.

ca. 7.20 Uhr: wir sind in der Wechselzone angekommen. Ein Kamera-Team taucht auf. Wir sind schließlich der Verein mit dem größten Teilnehmer-Kontingent

7.30 Uhr: Ich hab einen Platten, also nicht wirklich, aber mein Rad. Torben wechselt den Schlauch und pumpt auf. Eigentlich will ich das selbst machen, aber... na ja, er braucht wohl Beschäftigung. Marc-Alex gibt mir noch einen heilen Schlauch, damit ich, falls mir unterwegs nochmal so ein Malheur passiert, gut gerüstet bin. DANKE, Marc!!!

8.00 Uhr: die Anspannung steigt, meine Wechselzone ist eingerichtet, Nichtstun fällt schwer. 

8.30 Uhr: Jetzt in den Neo, die „geliebte“ schwarze Pelle. Ich kann mir Schöneres vorstellen, aber 19 Grad ist eben keine Badewannentemperatur und 1.9 km im Wasser eben nicht mal um die Ecke.

8.45 Uhr: Wir gehen gemeinsam zum See

9.00 Uhr: 1. Startgruppe und mittendrin die Profis sind los und wir dürfen zum Einschwimmen ins Wasser

9.15 Uhr: Startknall, Pulsuhr starten und los, es läuft

9.16 Uhr: Schnappatmung. So ein Mist! Der Rhythmus ist dahin und nichts geht mehr. Ich versuche ruhig zu bleiben. Es geht wieder. Loskraulen, Rhythmus finden, Boje anpeilen. Freiwasser-Training wäre ganz gut gewesen. Ich habe Orientierungsschwierigkeit und komme vom Kurs ab, wie gewohnt, geht es im Zick-Zack von Boje zu Boje. Die letzte Boje muss ich richtig suchen, nachher weiß ich, dass ich in der falschen Richtung gesucht habe. Schwamm drüber...

9.56 Uhr: raus aus dem Wasser. Ja, schnell ist das nicht, aber mit minimalem Training und einem Jahr Kraul-Erfahrung...

9.59 Uhr: Endlich aufs Rad; 90 km mit 1100 Höhenmetern liegen jetzt vor mir. Nicht überpacen, aber auch nicht rumschnecken. Ich komme gut in den Tritt und es läuft. So macht die Mitteldistanz Spaß. Nach knapp 10 km geht es in die Steigungen und die sind nicht ohne. Teilweise lange, aber zähe Anstiege, wechseln sich mit knackigen und kurzen Rampen ab. Ich bin glücklich mit meiner Radwahl. An den Anstiegen hab ich den Vorteil des leichtgewichtigen Rades und in den Abfahrt mehr Kontrolle durch Unterlenker. Ich muss nur aufpassen, dass ich mir die Beine nicht dichtfahre, schließlich wartet nach den 90 km noch der Halbmarathon. Ich ziehe an Fahrerinnen und Fahrern mit teuren Zeitfahrmaterial vorbei.
Kurz vor den letzten flachen 10 km geht es nochmal den Schindelberg rauf, oben stehen, wie in den vielen kleinen Orten, viele Zuschauer, die uns anfeuern. Danach geht es noch einmal kurz raus und dann mit Speed Richtung Wechsel 2. Schnell die Schuhe öffnen und die letzten Meter auf den Schuhen in Richtung Wechselzone.
Fazit der Radstrecke: Klasse! Der steilste Anstieg ist mitten im Ort und die Zuschauer brüllen dich hoch. Wahnsinn!!!

12.58 Uhr: Mir wird das Rad abgenommen und der Wechselbeutel zum Laufen gereicht. Eine Frau hilft mir noch beim Ausschütten des Beutels. Hier mache ich einen fatalen Fehler: Ich ziehe meine Schuhe ohne Socken an. Jetzt geht es auf die Laufstrecke.
21 Kilometer liegen vor mir und die Temperatur ist irgendwo bei 30 Grad angekommen. Die Luft ist schwül und stickig, trotzdem finde ich meinen Rhythmus, aber schalte lieber einen Gang runter, um nicht hinten raus einzubrechen. Die Strecke führt erst durch den Kurpark von Bad Schönborn und dann durch ein Wohngebiet und über Feldwege zurück zum Zielbereich und auch die Laufstrecke ist nicht frei von Steigungen. Diese Strecke ist dreimal zu bewältigen, also treffe ich alle Triabolos auf der Strecke. Wir winken uns zu, grüßen oder klatschen einander ab. Das motiviert.
Die Verpflegung auf der Strecke ist top organisiert und die Bad Schönborner versorgen uns Läufer zusätzlich mit nassen Schwämmen.
Kurz vor Ende der ersten Runde bereue ich bitter, dass ich keine Socken trage, meine Füsse sind aufgescheuert. Aber ich bin so weit gekommen, aufgeben wegen so ein bisschen Schmerzen kommt nicht in Frage, auch die Magenkrämpfe stimmen mich nicht um. Das geht vorbei.
In der zweiten Runde fängt es an zu Gewittern und zu Beginn der dritten Runden geht der Regen los. Es ist erfrischend und kühlt schön.
Die dritte Runde mobilisiere ich noch die letzten Kräfte und es wird meine schnellste Runde.
Da ist sie, die Abzweigung zum Zieleinlauf! Mein Puls beschleunigt nochmal. Ich biege in die Zielkurve ein. Ja, es ist ein U um ein Auto zu laufen. Mein Grinsen wird immer breiter und ein letzter Sprint trägt mich durch den Zielbogen. Marc und Alima stehen direkt hinter dem Bogen und gratulieren mir als erstes.
Ich bin geschafft, erledigt und trotzdem glücklich. Ich hab es geschafft, sogar unter sechs Stunden, in 5:47 Std. Meine erste Mitteldistanz.
Und die erste vergißt man nie!!!
Vielen Dank an das Challenge Kraichgau 2011 Triabolos Team, es war großartig mit euch!

Kommentare:

  1. Schöner Bericht! War ein echt geiles Wochenende!
    Liebe Grüße aus NF,
    Sören

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  2. Wirklich super geschrieben und tolle Leistung :o)! Dann steht ja die nächste Mitteldistanz am 03.07. in Aarhus an! Liebe Grüße aus Bremen sendet Dir Sanni

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  3. tolle leistung und sicher eine wertvolle erfahrung.
    auch im privatier-dasein gibt es noch ähnliches:
    punktspielsaison tennis ist beendet und bin von insgesamt fünf einsätzen fünfmal als sieger vom platz gegangen.deinen glückwunsch nehme ich vorweg dankend entgegen.
    lg dad

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