Montag, 4. Juli 2011

Dieser Triathlon ist kein Kindergeburtstag - Premiere der Challenge Aarhus


Freitag:

Es gibt Dinge, die sind einfach zu vermeiden, wie z.B. zu Ferienbeginn mit dem Auto auf der A7 Richtung Dänemark zu fahren.
Während Torben und ich noch entspannt fluffig durch den Elbtunnel gleiten, wundern wir uns über das Navi, das uns eine Ankunftsverzögerung von ca. 30 Minuten angibt. ,Wieso, ist doch alles frei...'
Aus dem Tunnel raus sieht dann die Welt etwas anders aus, Stillstand! Genervtes Geschiebe, die kleinste Lücke animiert zum Spurwechsel, es könnte ja genau hier schneller sein. Schwungvolles Anfahren und abruptes Abbremsen, haufenweise Beinaheunfälle begleiten uns bis Stellingen, jedoch sind sich kurz vor der Ausfahrt Volkspark tatsächlich zwei Autos ins Gehege gekommen, auch wenn es nach kaum mehr als einem Parkrempler aussieht, blockieren sie fröhlich die linke Spur.
Kurz vor Stellingen ist auf der Gegenfahrbahn ein PKW von einem LKW weggerammt worden, das wiederum verursacht in unsere Richtung einen Gafferstau.
Macht nix, wir sind ja nicht auf der Flucht, sondern auf dem Weg ins ca. 380 Kilometer entfernte Aarhus in Dänemark.
Der Rest der Fahrt ist verhältnismäßig staufrei, abgesehen von kleineren Stockungen, ausgelöst durch das urtypisch deutsche Bedürfnis, komme, was wolle, einen LKW überholen zu müssen, sei es auch mit nur zwei km/h schneller und diverser „Verkehrserziehungsmaßnahmen“ von oder für Drängler.

Das Wetter auf unserer Fahrt durch Dänemark, ja, es ist weiter als gedacht (merke: nicht jede dänische Stadt liegt gleich hinter Flensburg, und über 20 Jahre alte Erinnerung bzgl Entfernungen können trügen), wechselt sekündlich, Sonne, Wolken, Wind, Regen, Sonne und so weiter. Was soll's bis Sonntag ist noch etwas hin. Ach ja, Sonntag... unser erster Triathlon über die Mitteldistanz in Kraichgau ist dann ziemlich genau einen Monat her, kann man doch gleich den nächsten machen, also warum nicht die Half-Challenge in Aarhus, eine Premiere.
Da wir den letzten Monat auch mit Umzug beschäftigt waren, haben wir uns auch mit Trainingsplanung ,oder dessen Durchführung mit weiterbelastet :), so dass wir frei von „Lasten“ gen Dänischer Ostseeküste rollen können.
Unser Hotel finden wir nur dank Navi und erkennen es erst als wir davor stehen. Okay, es ist sehr zentrumsnah, also quasi, mittendrin, an einer Hauptstrasse gegenüber vom Hauptbahnhof und Burger King. Es hat seine besten Tage hinter sich, ist allerdings doch teilrenoviert, hab ich gehört. Wir haben ein Zimmer im Urzustand, aber es ist sauber und wir können die Räder mit raufnehmen, damit ist das Zimmer dann aber auch schnell voll. Der Plan ist ja aber auch, dass wir dort nur die Nächte verbringen. Zumindest ist so der Plan...
Doch erstmal treibt uns der Hunger raus und wir machen uns auf die Suche nach einem Restaurant. Mit Dänischen Kronen in der Tasche geht es los, schnell kommen wir zu dem Schluß, es ist teuer und zwar fast überall. Mc Donalds und Burger King scheiden genauso wie Subway aus, somit landen wir nach 1 Stunde vergeblicher Suche in Aarhus bester Pizzeria, nach eigener Aussage. Ob es die beste ist, weiß ich nicht, aber es schmeckt und das Preis-Mengen-Verhältnis stimmt auch für Triathleten.
Es ist Zeit sich gen Hotel zu trollen, da uns schon die ersten stark angetrunkenen Jugendliche entgegen torkeln.

Samstag:

Die Nacht ist... geräuschvoll. Wie bereits erwähnt, befindet sich das Hotel in Zentrumslage, die Bushaltestelle wird auch nachts angefahren und Burger King zu jeder Zeit frequentiert, dazu kommt noch, dass unser Zimmer extrem hellhörig ist und irgendwo in unserer direkten Umgebung für die Weltmeisterschaft im Hotelmöbelrücken trainiert wird. Als in der Morgendämmerung dann auch noch direkt unter unserem Fenster mit viel Lärm ein Auto abgeschleppt wird, verstopfe ich mir mit Ohrenpax die Lauscher.
Gegen 8 Uhr ist dann endgültig nicht mehr an Schlaf zu denken und ein Blick aus dem Fenster zeigt... nass... es regnet. Pfui.
Erstmal zum Frühstück, der Tag ist schließlich noch lang und die Registration ist auch erst ab 10 Uhr möglich und Rad-Check-in bis 18 Uhr.
Der Regen wird nicht weniger und so leihen wir uns einen Schirm an der Rezeption und schaffen es immerhin halbwegs trocken bis zum Bahnhof hinter dem sich auch noch ein Einkaufszentrum befindet und dort erstehen wir dann noch einen zweiten Schirm, um auf dem 2 Kilometern bis zur Anmeldung in Tangkrogen nicht völlig zu durchweichen. Letztendlich sind nachher nur meine Füsse naß, aber daran sind Wiese und Schuhe schuld.
Nach der Anmeldung suchen wir noch nach dem möglichen Ort des Schwimmstarts für morgen, können aber nicht glauben, dass es der kleine mit Seetang verklebte Strandabschnitt sein wird.

Auf dem Rückweg zum Hotel lässt der Regen nicht wirklich nach und die geplante „Stadtwanderung“ fällt somit buchstäblich ins Wasser, Tiefenentspannung im Hotelzimmer tritt an die Stelle der Wanderung.
Gegen 16 Uhr müssen wir dann aber doch unsere Wechselbeutel packen und die Räder fertig machen. Ich entscheide mich gegen Schlauchreifen und damit gegen Scheibe und Tri-Spoke. Das Hinterrad der Drahtreifen ist platt, allerdings nicht so richtig und als der Schlauch auch nach knapp 30 Minuten immer noch die Luft hält, ist er die Wahl des Tages, so habe ich wenigstens noch zwei weitere Schläuche zum Wechseln, falls etwas passiert. Die Radstrecke ist mit 90 Kilometern auch einfach zu lang, um zurück zu schieben.

Kaum sind wir aus dem Hotel, hört der Regen auch auf. Danke lieber Wetterverantwortlicher!
Wir checken unsere Räder ein und erfahren, dass aufgrund der Witterungsbedingungen das Schwimmen auf der Kippe steht. Das Regenwasser hat die Kanalisation wohl überspült, so dass einige Grenzwerte im Wasser überschritten sind. Die Schwimmstrecke soll dahingehend verändert werden, dass wir nicht mehr entlang der Küste, sondern raus aufs Meer schwimmen sollen und zwar zwei Runden, da es sonst zu weit rausgeht. Ein weiteres Gerücht besagt, dass die Möglichkeit eines Duathlons besteht.
Doch erstmal geht es zur Pasta-Party, wo wir Ingo und Paulo treffen. Ingo ist als Zuschauer da und zum Fliegenfischen. Oder nur zum Fischen? Man weiß es nicht ;)
Auf dem Rückweg gönnen wir uns noch ein original dänisches Soft-Eis. So, so, so lecker :)
Da der Wecker uns um 4:45 Uhr aus den Träumen reißen soll, bemühe ich mich früh um Schlaf. Allerdings bleibt es leider nur bei den Bemühungen. Anspannung und vor allem Lärm lassen mich fast keinen Schlaf finden. 

Sonntag:

04:44 Uhr: in einer Minute wird der Wecker klingeln, doch ich bin wach. Zwar fühle ich mich, wie an die Wand geworfen, aber schwächeln ist jetzt nicht.
Das Frühstück ist zweckmäßig und vermutlich zu wenig, aber es ist zu früh, um zu Essen. Mein Magen ist noch nicht wach.
06:20 Uhr: Nach quälenden Minuten entscheiden wir uns zum Aufbruch. Start ist zwar erst um 8:15 Uhr, aber es beruhigt mich vor Ort zu sein.
06:50 Uhr: Wir erfahren in der Wechselzone, dass das Wasser lediglich 13,5 Grad hat und daher aufgrund der Bestimmungen des Dänischen Triathlonverbandes das Schwimmen auf 1.000 Meter verkürzt werden muss. Stört mich das jetzt wirklich? Nö.
08:05 Uhr: Die Profis starten. Wir sind gleich im Anschluß dran. Es ist eine reine Frauen-Startwelle.
08:10 Uhr: Wassergewöhnung; Einschwimmen ist verboten. Sch*** ist das kalt, aber sowas von kalt.
08:15 Uhr: Andrea fragt, ob das jetzt der Startschuß ist. Muss wohl, da sich einige schon schwimmend Richtung Bojen bewegen. Schnell Pulsuhr starten und los geht es. Ach ja, wir haben uns extra nach ganz links gestellt und die Bojen sind ganz weit rechts, trotzdem schwimmen erstmal die meisten nach links, Treten und Hauen inklusive. 1000 Meter sind in eiskaltem Wasser sehr lang und da ich immer noch nicht in der Lage bin den kürzesten Weg zu schwimmen, sondern gerne mal ,um die Ecke schwimme', bin ich auch wieder etwas länger als die geforderte Strecke unterwegs. Kurz vor dem Ausstieg, den ich ohne meine Mitschwimmerinnen nicht gefunden hätte, streift mich noch ein wabbeliges, glibberiges Etwas und ich muss durch stinkigen Seetang.
Kaum kann ich stehen, beginne ich mich gehend und nicht mehr schwimmend vorwärts zu bewegen, das Wasser mit den Pflanzen ist mir nicht geheuer. Schneller gemacht, hat mich das jetzt zwar nicht, aber das ist nebensächlich.
Wie auf Eier laufe ich zur Wechselzone, noch haben meine Beine keine eindeutigen Informationen vom Gehirn zu Bewegungsablauf und -richtung empfangen. Ich habe entgegen meiner Gewohnheit die Schuhe nicht am Rad und muss mit den Schuhen über die Wiese zum Rad laufen, mach ich nicht wieder, ist sauanstrengend.
Schnell Helm und Brille auf und losgeht es. Mist, laufen mit Radschuhe ist echt nicht meins.
Ingo ist übrigens nicht nur zum Angeln da, er feuert uns auch kräftig an.
Nun geht es aber los, 90 Kilometer durch Dänemark. Zum Eingewöhnen erstmal eine ordentlich knackig kurze Steigung, noch lange bevor die Muskeln auf Betriebstemperatur sind. Autschn!
Die ganze Strecke ist immer wieder geprägt von knackigen kurzen Rampen, rasanten und kurzen Abfahrten, die oft in einer 90 Grad Kurve mündn. Der Regen der letzten Tage hat viel Dreck auf die Straßen gebracht, so dass ungewöhnliche viele Athleten mit Defekten am Strassenrand stehen.
Immer, wenn ich denke, ach, das läuft ja, zieht mir der nächste Anstieg schon fast wieder die Schuhe aus. Die Strecke ist technisch anspruchsvoll, durch das Höhenprofil, die Kurven und die Straßenverhältnisse inkl. Schlaglöcher.
Nach der Hälfte der Strecke merke ich, dass ich mein linkes Ohr irgendwie unbequem in den Helm gequetscht habe. Das tut weh, aber ändern kann ich das jetzt nicht mehr.
Die Beschilderung der Strecke ist ab und an etwas, na ja, mager? An einem Golfplatz entlang bin ich plötzlich allein, niemand vor oder hinter mehr und weit und breit auch niemand zu sehen. Bin ich noch auf dem Weg, oder etwa doch falsch abgebogen? Da mein Dänisch eher weniger ausgeprägt ist, bleibt mir nichts, außer zu hoffen, dass ich noch auf dem richtigen Weg bin.
Der Weg ist der richtige und zu meinem ständigem Begleiter, dem Wind, von vorn oder von der Seite, gesellen sich auch wieder andere Triathleten, die ich überhole oder die mich überholen.
Irgendwann wird die Strecke unspektakulär und das Ortsschild Aarhus taucht auf, aber … Pustekuchen, kurz vorher müssen wir nach rechts abbiegen. Gefühlt knapp 10 Kilometer geht es noch um Aarhus rum, dann endlich, die Küste und die Stadt. Die Wechselzone ist so plötzlich und unerwartet da, dass ich meine Schuhe nicht mehr am Rad ausziehen kann.
Ich gebe mein Rad ab und eiere zu meinem Laufwechsel-Beutel. Nur noch einen Halb-Marathon laufen... Auf geht’s, also, rauf geht’s. Die Laufstrecke führt bergan und mitten in die Innenstadt rein. In der Fussgängerzone geht es leicht bergab und der Boden ist etwas uneben, weiter geht es nach einer 90 Grad Kurve auf Kopfsteinpflaster, dann nochmal 90 Grad und bergab. Schade, dass bergab laufen, wesentlich unschöner als bergab Rad fahren ist. Eine weitere 90 Grad Kurve führt an einem Fleet entlang zwischen Cafés und Bars hindurch in einem Bogen zurück zur Fußgängerzone und somit leicht bergan, dann wieder eine Kurve mit leichtem Gefälle, noch eine und dann ins Parkhaus (ja, Parkhaus!) über zwei Parkdecks runter, dann wieder eine kleine Rampe hoch und raus auf die Straße. Von dieser Straße aus führt mich die Laufstrecke dann über gefühlt endlos viele
!Treppenstufen! in ein Museum. Nach dem Museum dürfen wir wieder ins Parkhaus, diesmal die zwei Parkdecks wieder rauf und durch einige Gasse wieder zurück zur Fußgängerzone, am Bahnhof vorbei, wieder bergan und leicht bergab, danach, nein, nicht fertig..., sondern auf die zweite von insgesamt drei Runden.
Schon auf der zweiten Runde habe ich das Gefühl, dass die Schwerkraft übermäßig stark geworden ist. Der Erdmagnetismus muss sich allein auf mich konzentrieren. Gefühlt laufe ich nur noch in Zeitlupe. Die Treppe gehe ich zum Teil, aber ich laufe sonst. Auf der dritten Runde treibt mich dann nur noch der Gedanke voran, dass alles andere vergebens ist, wenn ich jetzt aufgebe und ich sage mir ständig selbst vor, dass Aufgeben keine Option ist. Der Boden wankt schon, da ich aber nicht auf See bin, muss das wohl eher an mir liegen, kurze Gehpausen werden notwendig, eigentlich bin ich fertig mit der Welt und möchte nur noch …, nein, es geht weiter, wieder laufen, konzentrieren und … ,Aufgeben ist KEINE Option'. Die Treppe vor dem Museum erscheint unnatürlich lang. Paulo läuft an mir vorbei. Ich bitte ihn, Torben Bescheid zu sagen, dass ich wohl 15 Minuten später da sein werde. Damit zwinge ich mich selbst zum Laufen, statt zum Gehen. Endlich bekomme ich das Band, dass zeigt, dass ich auch die letzte Runde gelaufen bin und darf Richtung Ziel abbiegen. Es geht noch um eine Spitzkehre und dann... ja, ähm... das ist ja noch irre weit... wie kann man sich täuschen, wenn die Kräfte schwinden. Die Strecke muss irgendwo nach links abbiegen, um zum Ziel zu führen, doch die vor mir Laufenden laufen schier endlos geradeaus.
Endlich geht es nach links, über die Wiese stolpere ich nur noch Richtung Zielkanal. Ich glaube, ich biete ein Bild des Elends und versuche noch zu lächeln... „Daniela Schulz, Hamburg Triabolos“
ZIEL!!! Geschafft. Aufgeben war KEINE Option, zu keiner Zeit!!!
Ich fertig mit der Welt und setze mich auf den Boden, eine Helferin reicht mir ein Wasser und mein Kreislauf beruhigt sich langsam wieder.
Nach kurzer meditativer Pause lass ich mir die Finisher-Medaille umhängen und bin stolz, dass ich den Kampf gegen mich selbst gewonnen habe. Erstaunlicherweise ist meine Zielzeit gar nicht so schlimm, wie es sich angefühlt hat und ich bin zufrieden mit dem Tag :)
Jetzt heißt es, das Gefühl genießen und mit den anderen teilen, runterkommen und regenerieren.
Schnell duschen und ab nach Hause.
Challenge Aarhus 2011, finished!!!

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