Samstag, 14. Juli 2012

Die 12 Stunden von Bersenbrück


Wie komme ich auf die Idee an einer 12 Stunden Radveranstaltung teilzunehmen?
Ganz einfach, weil es mit einer längeren nicht klappte. Eigentlich war geplant, dass ich den Radmarathon von Trondheim nach Oslo mitfahre, doch mein Körper oder genauer das Flugzeugessen machte mir einen Strich durch die Rechnung. So überwand ich die 540 km nicht mit dem Rad, sondern musste auf Bus und Flugzeug zurückgreifen, um wieder von Trondheim nach Oslo zurückzukehren, denn bis Trondheim war ich immerhin schon gekommen.
Schwamm drüber und Haken dran.
Was macht man also mit jeder Menge absolviertem Grundlagentraining? Ich suchte nach einer Langstreckenveranstaltung, möglichst in der Nähe und auch zeitnah, um nicht die gesamte Saisonplanung durcheinander zu bringen.

So kam es dann zu der Anmeldung bei der Veranstaltung in Bersenbrück. Bersenbrück? Ja, es liegt im Osnabrücker Land in der Nähe des Alfsees, also lediglich 2 Autostunden entfernt.


Start sollte 7 Uhr sein, also ging es früh morgens um 4 Uhr im dicksten Nebel seit langem los. Die Baustellen auf der A1 Richtung Bremen wechseln zwar ab und an Ort und Länge, haben aber seit mindestens 2 Jahren ihren 'festen Platz' auf der Strecke und drosseln bis Bremen das Tempo merklich.
In Bersenbrück angekommen, bauten wir unsere Räder auf und meldeten uns an. Um Punkt 7 Uhr startete das Rennen mit einer Einführungsrunde, damit alle Fahrer die Runde von ca. 18 km kennenlernen konnten. Die ersten zwei Fahrer verliessen, mit dem unbedingten Willen zum Sieg und ausreichender Ortskenntnis, die Gruppe früh. Auch in der Gruppe gab es schon etwas Unruhe, da einige Fahrer hinter mir der Ansicht waren, dass eine Frau wohl kaum schneller sein könnte, als sie. Na ja... Zumindest fuhren sie am Anstieg an mir vorbei, um sich dann deutlich schnaufend, direkt vor mir einzuordnen.
Die Strecke selbst war angenehm abwechslungsreich. Die erste Hälfte schraubte sich, nachdem wir aus Bersenbrück raus waren, mit einigen Wellen und einem längeren moderaten Anstieg hoch, während die zweite Hälfte tendenziell eher leicht bergab ging. Die Kurven waren weitestgehend gut fahrbar und die Bahnübergänge, die zweimal zu queren waren, hemmten uns zweimal 30 Sekunden, also unwesentlich.
Wieder im Start-Ziel-Bereich angekommen, hieß es Feuer frei. Das Tempo wurde angezogen und für mich stellte sich die Frage, dran bleiben oder eigenes Tempo fahren? Ich entschied mich für das Dranbleiben, auch wenn es echt weh tat. Die Muskeln waren noch nicht richtig warm und jede Steigung wurde mit ordentlich Tempo genommen, um kurze Zeit später wieder kurz zu verschnaufen. Mit anderen Worten, es war unglaublich unrhythmisch. Ich fragte mich früh, wie lange ich dieses Tempo und diesen Rhythmus halten solle, aber wenn ich einmal reißen lassen würde, käme ich alleine nicht mehr ran. Also, Zähne zusammenbeißen und hoffen, dass die Herren der Schöpfung nicht ewig so weitermachen können.
In der dritten Runde wurden wir dann merklich weniger, nicht weil die Jungs vorne rausgefahren, sondern nach hinten weggeplatzt sind. Und schon war ich die einzige Frau in der Gruppe. Zwei Fahrer fuhren immer ein wenig vor der Gruppe, keiner hat so genau verstanden, warum. Doch dann wurde Tempo gemacht, um die beiden einzuholen und so wurde es dann noch unrhythmischer, da die beiden immer wieder rausfahren wollten und dann wieder Tempo gemacht wurde, um sie einzuholen. Eine Reihe von 'sinnvollen' Aktionen. So ging es auch noch die ganze vierte Runde.
Zu Beginn der fünften Runde waren wir dann plötzlich nur noch zu viert. Offensichtlich hatten alle anderen nur Energie für vier Runden mitgebracht und mussten erstmal pausieren.
Zu viert war zwar anstrengender, da nun der Wind deutlich zu spüren war und jeder mal in die Führung musste, aber wir konnten endlich unseren Rhythmus finden. Die Sonne fing an ihr Muster in unsere Haut zu brennen, aber es war noch genügend Wind auf der Strecke, so dass es nicht übermäßig warm wurde. Regelmäßiges Essen und Trinken ist 'überlebenswichtig'. Zum Glück war ich gut versorgt und mein Magen blieb auch artig, obwohl ich ihn in den 12 Stunden mit 8 Gels verkleisterte. Manche waren echt.... BÄH!!! aber Energie ist Energie.
So drehten wir Runde um Runde und waren plötzlich nur noch zu zweit und so sollte es dann auch bleiben, ab und an fuhr ich dann auch alleine. Die Gruppen, auf die wir trafen, fuhren langsamer, als wir zu zweit, daher machte es keinen Sinn sich ihnen anzuschließen.
Der Himmel wurde immer dunkler und natürlich fing es an zu regnen. Da aber die Temperaturen auf fast 30 Grad gestiegen waren, kam mir die Abkühlung sehr entgegen.
Mit der Zeit begannen meine Füsse zu schmerzen und ich musste die Schuhe wechseln, danach ging es mir wieder gut.
Die Zeit verging doch erstaunlich schnell und dann hatte ich nur noch drei Runden vor mir, dachte ich zumindest. Zur Erklärung: Bis 18:30 Uhr muss die letzte Runde begonnen worden sein. Somit hatte ich rein rechnerisch, da ich meine letzte Rundenzeit gestoppt hatte, noch 3 Runden. 
Blöderweise waren die 3 Runden so schnell, dass ich noch auf die vierte musste.
Was soll's, nach 11 Stunden war mir das dann auch irgendwie egal.
Im Ziel war ich dann nach einer reinen Fahrtzeit von 11:38 h und gesamt 328 Kilometern. Ganz vorsichtig schälte ich mich vom Rad. Doch ging es mir erstaunlich gut.
Bei der Siegerehrung ging dann bei der Nennung meiner Kilometer-Leistung angeblich ein Raunen durch das Publikum, so sagte man mir. Ich war einfach nur müde und froh, dass ich mich auf der Bühne an eine Wand hinter mir lehnen konnte.
So bin ich das erste Mal in meinem Leben fast 12 Stunden Rad gefahren und habe die Frauenwertung gewonnen und … mehr Kilometer gefahren als die meisten Männer.
Fazit:
  • auch 12 Stunden vergehen
  • fährst du durch eine Gewitterfliegenwolke, mach den Mund zu
  • konzentrier dich, auch wenn es schwer fällt, bis zum Schluß
  • Schmerzen vergehen

    Vielen Dank an den Fotografen Claus Wellmann für die tollen Fotos

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