Freitag, 19. Juli 2013

Challenge Roth 2013

Es gibt Wettkämpfe, da weiß man schon beim Aufstehen, dass es ein sehr sehr harter Tag wird und man sich selbst die Antwort auf die ewige Frage: 'Warum tu ich mir das bloß an?' schuldig bleiben wird.
Aber manchmal... manchmal läuft es so überhaupt nicht.. doch von vorne:

3:30 Uhr, Sonntag 14.7.2013 Hilpotstein, Bayern, mein Wecker klingelt. Erster Gedanke: Ich bleib liegen, Decke über den Kopf und hoffen, dass mich niemand findet.
3:40 Uhr selber Tag, selber Ort. Bin doch aufgestanden, unwillig, aber was soll's.
4:00 Uhr Frühstück
4:30 Uhr Abfahrt zum Schwimmstart
Es wird ein verdammt langer Tag und ich bin so unmotiviert, wie noch nie. Seine Ursache hat dieser Mangel an Motivation nicht in der Veranstaltung, also der Challenge Roth, sondern ist dem Umstand geschuldet, dass meine Vorbereitung für einen Langdistanz-Triathlon eigentlich eine glatte sechs war. Keine langen Rad-Einheiten (max. 90 km), dreimal auf dem Zeitfahrrad und Schwimmen, na ja, Schwimmen eben.
Aber nun stehe ich da in meinem blöden Neo vor dem Schwimmstart mit den anderen Mädels aus meiner Startgruppe. Um 6:45 Uhr soll der Startschuß dann für alle Mädels fallen. Wir sind damit die mit Abstand größte Startgruppe. Glaubt tatsächlich jemand Frauen seien irgendwie friedlicher im Wasser? Es wird genauso getreten, geschlagen, gezogen und untergetaucht, wie bei gemischten Massenstarts.


6:45 Uhr Main-Donau-Kanal: Das Wasser dampft und die Reise geht los. Damit hagelt auch gleich die ersten Tritte. Noch im Wasserball-Kraul versuche ich mich zu orientieren, vor mir wird fleissig Zick-Zack geschwommen. Ich komme nicht vorbei. Den Wendepunkt, den ich fälschlicherweise VOR der Brücke vermute, kann ich nicht sehen. Kunststück, er befindet sich nicht nur genau UNTER der Brücke, sondern wird auch noch von einem Rettungsboot verdeckt. Nach 1:02 h schwimme ich wieder am Start vorbei, denn es gilt noch einen weiteren Wendepunkt zu umrunden. Hierbei passiert, was eigentlich überfällig ist, ich schwimme mit Schwung in die Absperrleine. So eine Sch... Zum Glück hat das keiner gesehen.
kurzer Time-Check... checked

8:04 Uhr nach 1:19 h ist das Elend endlich vorbei, … denke ich. Auf Anhieb finde ich meinen Wechselbeutel und wanke in das Zelt. Hier hilft mir eine nette Dame. Leider schüttelt sie die vorbereiteten Gels alle aus meinem Trikot. Macht ja nix, ich brauch eh ne Weile, um mich aus dem widerspenstigen Neo zu pellen, der sich, ganz anhänglich, ordentlich an mir festgesogen hat.
Mein technisches Wunderwerk am Arm zeichnet brav meine Wechselzeit auf. Ich habe mich diesmal schon Tage zuvor mit den Funktionen meines Multisport-Aufzeichnungs-Dings beschäftigt. Läuft.
8:09 Uhr: Nach knapp 5 min schiebe ich mein Rad über die Zeitnahme-Matte und schiebe und schiebe 'Mensch, Mädel, aufsteigen!' Manno, woher soll ich denn wissen. Lieber zu spät, als zu früh, oder so. 180 km Rad warten. Sanni überholt mich. Ich will es locker angehen lassen, der Tag wird lang und die Form ist schlecht. Statt Blut scheint mir Eiswasser durch die Adern zu fließen. Kurzum meine Muskeln sind von Betriebstemperatur noch weit entfernt, auch bei km20 noch.
Bei der ersten Verpflegung merke ich einen Faux pas, Schlauchtasche im hinteren Flaschenhalter ist auf der rechten Seite befestigt und genau dort muss ich eigentlich die angereichte Flasche platzieren. Ich starte einen Balance-Akt, dessen Ziel die Platzierung der Flasche auf der linken Seite sein soll. Aaaaaargh und das soll jetzt alle 2 Verpflegungen auf den 180 km sein? Nein, aber das geht gar nicht. Anhalten, Schlauchtasche auf die andere Seite und weiter.
Noch ist alles soweit iO
Der Anstieg in Greding ist in Ordnung, auf der späteren Abfahrt überholt mich dann Torben, der 25 min nach mir gestartet ist. Super, motiverend ist das nicht. Egal, aussteigen geht jetzt auch nicht mehr, denn wie soll ich nach Hause kommen und so...
Anstieg Hilpoltstein, KNACK, ach du Elend. Was ist nun los? Kurzer Blick zum Tretlager, Kette hat sich in die Tiefe gestürzt und schmiegt sich nun ganz eng zwischen Kettenstrebe und Kurbelarm. Absteigen, begutachten. Ziehen und Zerren? Hilft nicht. Leichtes Rütteln und gutes Zureden. Die Kette löst sich wieder und läßt sich brav auf dem kleinen Kettenblatt ablegen. Weiter geht die Reise den Anstieg hoch. Ich schalte oben angekommen auf das große Kettenblatt, es knirscht leicht. Hoppla, hat mir die Schaltung das Malheur doch übler genommen als gedacht? Jetzt geht es aber erstmal runter nach Hiltpoltstein und dann rauf zum Solarer Berg, dem Highlight der Radtsrecke, also eigentlich, denn der junge Mann hinter mir hält dies genau für den richtigen Moment seinem Ehrgeiz freien Lauf zu lassen und machomäßig an mir vorbei zu bügeln. Erst fährt er mir gegen das Hinterrad und dann noch fast einige Zuschauer um, die im engesten Spalier hier am Solarer Berg stehen. Nicht nur ich finde diese Aktion überflüssig, sondern auch mehrere Zuschauer, denn nach wenigen hundert Metern hätte er sehr viel Platz gehabt.
Solarer Berg
Irgendwann hab ich dann die ersten 90 km mit einem etwas über 30 km/h Schnitt hinter mich gebracht und plane auf der zweiten Runde anzugreifen, da ja das Schlauchtaschenproblem und der Kettenklemmer behoben sind.
Ich schalte vorsichtig aufs kleine Blatt, kurbel hoch und dann wieder schalten... ähm... schalten... klasse... nix passiert... jiiiieeeha.... auf dem kleinen Blatt geht es den Hügel runter. So schnell kann ich gar nicht treten. Mist. Anhalten und per Hand auf das große Blatt legen. Irgendwann fährt auch Marc an mir vorbei. Er schimpft 'Läuft nicht. Plan ging nicht auf. Wir treffen uns beim Laufen.'
Jetzt, wo ich weiß, dass jeder Anstieg mit gaaaanz vorsichtigem Runterschalten und Raufschalten im Stehen und per Hand bezwungen, schminke ich mir die diversen Wunsch-Ziel-Zeiten ab und will einfach nur noch heil angekommen.
Der Wind frischt auf und kommt entweder von vorn oder böig von der Seite. Zum Glück hab ich auch noch fieseste Nackenschmerzen und kann mich kaum noch windschnittig machen und segle damit aufrecht gegen den Wind.
Die Kette knackt und die Kurbel ächzt. Langsam hab ich Angst, dass mir das ganze Rad um die Ohren fliegt. Bei einer Kette-Rauf-Leg-Pause bemerke ich dann auch noch, dass ich die Schlauchtasche, samt Ventilverlängerung und Mini-Tool verloren habe. Spätere Fotos lassen einen Verlust kurz hinter Eckersmühlen bei der zweiten Durchfahrt vermuten.
Schlauchtasche auf Abwegen - Eckersmühlen 
Ich fahre jetzt quasi material-mäßig nackig und ein weitere Defekt könnte zum Worst-Case, also zum Renn-Ausstieg führen. Ich zittere mich von Kilometer zu Kilometer und trau mich nichtmal mehr im Stehen zu fahren.
Endlich darf ich in Eckersmühlen geradeaus und somit direkt zur Wechselzone 2 fahren. Ach ja, es geht NICHT nur noch bergab!!! Egal, der letzte Hubbel muss jetzt auf dem großen Kettenblatt platt gedrückt werden.
14:16 Uhr: Ich kann mein Rad abgeben und mich auf den Weg ins Wechselzelt machen. Mein Laufbeutel wird mir gereicht. Aaaaah, ne Bank... Eincremen? Gerne, danke. Socke, Schuh, Socke, Schuh, hmmm... hab ich alles? Kann ja noch eben den Müll aus dem Trikot wegwerfen, wenn ich schonmal da bin... und Dixie. So viel Zeit muss sein. 6 min? Na und?
14:22 Uhr: Jetzt nur noch Laufen. 42,2 km. Michael läuft an mir vorbei. Häh? 'Was machst du denn hier?' 'Krämpfe, lief nicht' Scheint ja unser aller Tag zu sein... 'Kommst du?' 'Öhm, nee, Michael, du bist dann doch eher zu schnell für mich'.
KM8 ich treffe wieder auf Torben, er ist allerdings schon bei KM 17, Begeisterung fürs Laufen sieht allerdings anders aus. Kurzes Pläuschchen, Tuschi und weiter.
Ich sehe Maren im Schatten und erzähle ihr kurz von meinem Radstrecken Malheur. Sie hat Mitleid, aber scheucht mich weiter ;)
Wendepunkt über Wendepunkt folgen, aufmunternde Worte für Christin, die auf ihre ersten Langdistanz-Laufstrecke sehr gut unterwegs ist. Ich versuche ihr noch deutlich zu machen, dass sie ganz locker in der Zeit ist und weit vor den erlaubten 15 h ins Ziel kommen wird, wenn sie so weiter macht.
Ich laufe, gehe, laufe, gehe. Es wird immer heißer und die Luft ist stautrocken, atmen fällt schwer. An jeder Verpflegung nehme ich mehrere Schwämme an, gieße mir Wasser über den Kopf und trinke Cola oder Iso.
'Wann bist du denn an mir vorbei gelaufen?' 'Hej, Marc' Wir laufen zusammen, wir gehen zusammen, vor allem motivieren und bemitleiden wir uns gegenseitig. Wir ziehen das durch. KM 38!!! Nur noch 4 Kilometer. Noch einen Wendepunkt (wie viele waren das jetzt bitte?).
18:40 (oder so) Uhr: Zielkanal. Der Teppich schlägt Wellen und ich schlage fast lang hin.
.... gleich da

18:49 Uhr: Ziel. Angekommen. Vorbei. Der Tag war lang. Warum hab ich mir das angetan? Keine Ahnung.  

1 Kommentar:

  1. Christin Kunisch1. August 2013 um 13:56

    Liebe Dani, nun endlich habe ich Deinen Bericht mal lesen können. Oh je, kein gutes Rennen für Dich, aber Du hast gefinisht und mich unterwegs motiviert. DAnKe dafür. Das tat gut. Glücksburg wird besser; auf alle Fälle und eine lange Radeinheit hast Du ja nun auch hinter Dir! Toi, Toi, toi für Sonntag. Ich denk an Dich und drück die Daumen. Christin

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