Montag, 4. Mai 2015

111km oder die Frage, wie weit kann ich eigentlich laufen

Man soll die Erinnerung aufschreiben, solange die Schmerzen,... äh die Eindrücke noch frisch sind.
Was mich dazu trieb, mich bei einem 111km Ultratrail, dem 3. Heidschnucken-Ultra entlang des Heidschnuckenweges anzumelden? Muss ein Zustand geistiger Umnachtung gewesen sein. Denn je näher der Tag des Laufes kam, desto mehr Zweifel tauchten auf. Aber genug der Jammerei, wir sind immer alle schlecht vorbereitet und nachher klappt es meist dann doch irgendwie ;)

Ich bin noch nie mehr als 72,7 km gelaufen und das war der RennsteigLauf, da bist du quasi nie allein... anders hier, aber ich greife vor...


Start sollte um 5:15 Uhr in Soltau sein. Ich war in der ersten von drei Startgruppen, da ich nicht einschätzen konnte, wie lange ich brauchen würde. Zielschluss war um 2 Uhr am nächsten Morgen, das schien dann doch machbar, sofern ich die Strecke überhaupt bewältigen würde.
Nun standen wir da, die ersten 10 Läufer des Tages, ausgerüstet mit Trinkrucksack und Verpflegung für die erste Teilstrecke. Zum Glück dämmerte es schon, so dass wir auf Stirnlampen verzichten konnten. Die Strecke sollte bis Langenrehm für ca. 99 km dem Heidschnuckenweg folgen und dann per Roadbook weiter die letzten 12 km bis zum Ziel in HH-Eißendorf.
Der Heidschnuckenweg ist durch ein weißes 'H' auf schwarzem Grund gekennzeichnet, auf Bäumen, manchmal an Straßenschildern oder auch an Mülleimern, manchmal sehr tricky zu finden. Zusätzlich waren wir aber alle mit der Wanderkarte des Heidschnuckenweges ausgerüstet, sowie in den meisten Fällen dann auch mit entweder Navi oder Smartphone.
das mystische 'H'

Kurz vor 5:30 Uhr ging es dann los, bei gefühlten -2 Grad, erstmal durch einen Park in Soltau, vorbei an der Therme, ab in den Wald, ab in die Wildnis, die ersten Trails erwarteten uns.
Langsam löste sich die Gruppe auf, jeder lief nun sein Tempo. Ich lief mit einer anderen Läuferin vorweg in gemächlichem Joggingtempo, der Tag würde schließlich vermutlich sehr lang werden.
Am Heidepark vorbei, ging es Richtung Bispingen.
In Bispingen wurden wir dann am ersten Verpflegungspunkt km23 erwartet, also eigentlich wurden wir noch gar nicht erwartet, denn wir waren wohl zu schnell, aber das war alles kein Problem.
Ab dem VP Bispingen war ich alleine, mein Mitläuferin wollte noch länger verweilen. Von Bispingen ging es weiter über die Borsteler Schweiz (kein Scherz, die heißt wirklich so),
Borsteler Schweiz
durch die Behringer Heide bis zum nächsten VP in Niederhaverbeck km40. Die Zeit und die Kilometer flogen nur so vorbei. Die Landschaft wechselte von Wald zu Heide und die Beschaffenheit der Wege erforderte ständige Aufmerksamkeit, wenn man sich nicht mit der Nase im Dreck wiederfinden wollte.
Vom VP ging es weiter zum Wilseder Berg, der mit 169m die höchste Erhebung der Lüneburger Heide darstellt und einen tollen Ausblick bietet. Oben angekommen, war der erste Marathon geschafft. Ich fühlte mich noch frisch und das Laufen war flüssig. Keine Blase, trotz gefühlten 5 kg Sand in den Schuhen.
Wilseder Berg und eine einladene Bank
Von Wilsede ging es weiter dem Pastor Bode Weg folgend nach Undeloh, hier bog der Heidschnuckenweg dann auf einen tiefen Sandweg ab, den ich nicht laufen konnte und plötzlich war das Tief da. Niemand war zu sehen, ich war alleine mit meinem Schweinehund, der ganz leise flüsterte, 'Ach komm, geh doch ein bisschen, immer dieses Laufen, vielleicht hast du bald wieder Gesellschaft, du bist doch auch schon ganz müde' Ich fühlte mich tatsächlich ziemlich am Ende und es war nichtmal die Hälfte geschafft. Ich haderte mit mir. Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde ich tatsächlich eingeholt, allerdings von zwei Startern aus der 6 Uhr Gruppe. Torben und Sören hatten mich erreicht. Ich lief einfach weiter mit ihnen mit. Das Tempo war okay und die Motivation plötzlich wieder da. Über die Weseler Heide ging es dann zum dritten Verpflegungspunkt km61 zum Mittag mit wahlweise Brühe oder Nudeln. Nach dieser vermutlich für mich zu langen Pause, war der Mann mit dem Hammer dann da. Meine Oberschenkel waren einfach zu, an Laufen war nicht zu denken. Die Jungs liefen los und ich wanderte weiter. Immer wieder versuchte ich kurze Abschnitte zu laufen, es tat echt übel weh. Also erstmal gehen.
Über den Seevetrail ging es nach Handeloh, im Wechsel gehend und laufend kam ich zumindest irgendwie voran. Nur stand ich vor folgendem Dilemma: Nach Hause waren es gerade mal 1,5 km und ins Ziel noch über 40 km. Um mich selbst ein bisschen vor dem Kneifen zu bewahren, hatte ich zwischenzeitlich immer wieder mal Fotos auf Facebook gepostet.
So lief ich dann weiter. Ab jetzt wurde die Strecke auch deutlich profilierter und wurzeliger.
Anstieg Pferdekopf
Durchs Büsenbachtal, über den Pferdekopf ging es weiter Richtung Brunsberg, vorbei an VP4 mit kurzem Zwischenstop. Vom Brunsberg durch die Höllenschlucht, dann weiter Richtung Buchholz. Kurz vor Buchholz kam ein Anstieg, den ich am liebsten auf allen Vieren bewältigt hätte, aber ich hab's mir verkniffen ;) hier noch eine kleine Verpflegung und weiter Richtung Buchholz City, treppauf, treppab (nein, ich hab nicht den Fahrstuhl genommen). Den Abzweiger in den Buchholzer Stadtwald verpasst, wurde aber von zwei Läufern aus der 7 Uhr Startgruppe aufgesammelt und fand so den richtigen Weg. Von Buchholz nach Steinbeck fühlte sich recht kurzweilig an, doch nach Dibbersen schien es ewig zu dauern, der Akku war auch wieder leer, die Schmerzen ein ständiger Begleiter. Nun fing ich an meine Zeiten hochzurechnen, schließlich wollte ich noch im Hellen angekommen. Ich ging davon aus, dass Laufen jetzt keine dauerhafte Option sein würde und eher nur die Ausnahme und rechnete mit Schritttempo, so war mein Kopf wenigstens beschäftigt und ich guckte nicht alle 200 m auf die Uhr. Agreements sind wichtig, daher vereinbarte ich mit mir selbst, ab jetzt zumindest jedes Bergabstück zu laufen.
Von Dibbersen über Nenndorf sollte es nach Langenrehm gehen und ab da per Roadbook weiter. Doch kurz hinter Nenndorf passierte es, ein Moment der Unaufmerksamkeit und ich hatte mich verlaufen und zwar so richtig. Die Karte konnte mir nun auch nicht weiterhelfen, zum Glück ist in Langenrehm ein riesiger Funkturm und damit hatte ich bestes Netz und konnte mich von GoogleMaps leiten lassen. Es war nicht wichtig, wie groß der Umweg war, denn ich hatte den richtigen Weg ja wiedergefunden, ganz ohne Hilfe, ein bisschen stolz war ich darauf schon ;) .
Es war eben ein kleines Highlight am Rande. Langenrehm war erreicht, ab jetzt nur noch 12 km. Bergab laufen, na ja, oder das was ursprünglich mal laufen war, denn steif, wie eine Holzpuppe läuft es sich weder schnell noch stilsicher. Das Gehen hatte ich zu einem 'Powerwalk' gemacht. Kein Schlendern oder Wandern, schließlich wollte ich auf den letzten Kilometern nicht noch eingeholt werden. Zwei der Blasen, die ich nun doch hatte, platzen auf, aber solange ich nicht stehen blieb, war der Schmerz nicht so wichtig.
ab hier nur noch 11km

Nun ging es über Sottorf nach Vahrendorf und von dort über den Harburger Stadtweg mitten durch den Wald nach Hamburg-Eißendorf. Die letzten 3,5 km waren noch zu bewältigen. An laufen war endgültig nicht mehr zu denken, so walkte ich quasi restpowermäßig dem Ziel entgegen. Gefühlt war ich noch eine Ewigkeit unterwegs, aber dann kam das Ziel in Sicht und ich schaffte noch einen Schluss... ähm... Stolperlauf?und dann war es geschafft. 111Km (plus ein bisschen) in 15:28 h. Ich war angekommen. Und erste Frau und mir tat alles weh.


Fazit: Der HeidschnuckenUltra ist ein ganz toller Lauf mit super liebem Orgateam, tollen Helfern und super netten Mitläufern auf einer wunderschönen Strecke.
Der Mühen Lohn

Kommentare:

  1. Toller Bericht, Daniela. Und nochmals hier einen herzlichen Glückwunsch zum ersten Platz und vor allem zur Motivation, Dich bei der Alternative 1,5 km oder 40 km, für die harte Tour entschieden zu haben. Ultraläuferin eben.

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    1. Danke, Frank, Danke für einen wunderschönen und perfekt organisierten Lauf mit ganz viel Herz.

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  2. Wow! Herzlichen Glückwunsch zu dieser Hammer-Leistung - sowohl physisch, als auch psychisch! Vielen Dank für diesen tollen Beitrag, den ich verschlungen habe. Ich werde - wenn ich am Wochenende meinen ersten Marathon am Rennsteig laufe - sicher an Dich denken und mir Deinen Willen und Mut als Vorbild nehmen. Wenn man will, kann man alles schaffen. Danke dafür!

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    1. Danke schön :). Alles Gute für deinen Marathon. Der Rennsteig ist toll, die Strecke, die Atmosphäre, die Menschen, einfach alles. Du wirst nur so über die Strecke fliegen. Genieß es und hab ganz viel Spaß!

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